Windengewächse (Convolvulaceae): Pflanzenfamilie der Winden, Prunkwinden und Süßkartoffel
Die Windengewächse (Convolvulaceae) bilden eine weltweit verbreitete Pflanzenfamilie mit etwa 60 Gattungen und 1700 bis 2000 Arten. Zu ihnen zählen die Ackerwinde (Convolvulus arvensis), die Süßkartoffel (Ipomoea batatas) und die Hawaiianische Holzrose (Argyreia nervosa). Man findet sie auf allen Kontinenten, von europäischen Wiesenrändern bis in die tropischen Wälder Mittelamerikas. Einige Arten enthalten Alkaloide vom Typ LSA und nehmen damit in der Ethnobotanik eine besondere Stellung ein. Wer sich für Botanik und für seltene Sorten aus fernen Klimazonen begeistert, findet in dieser Familie erstaunliche Formen und eine lange Kulturgeschichte.
Dieser Beitrag ist ein botanisches Porträt der Convolvulaceae: Namensherkunft, systematische Einordnung, Merkmale, Verbreitung, wichtige Gattungen und kulturelle Bedeutung. Der Rahmen bleibt konsequent botanisch und taxonomisch.
Was sind Windengewächse (Convolvulaceae)?
Die Familie der Windengewächse gehört zu den Bedecktsamern und steht in der Ordnung der Nachtschattenartigen (Solanales), zu der auch die Nachtschattengewächse mit Tomate, Kartoffel und Tabak zählen. Botanisch beschrieben ist die Familie seit dem 18. Jahrhundert. Je nach Quelle werden 1700 bis 2000 Arten in etwa 55 bis 60 Gattungen geführt. Nach der Klassifikation APG IV handelt es sich um eine geschlossene, sehr alte Verwandtschaftsgruppe.
Das auffälligste gemeinsame Merkmal ist die trichterförmige Blütenkrone: fünf verwachsene Kronblätter, oft zart und nur für wenige Stunden geöffnet. Diese Trichterblüten zeigen sowohl die heimische Zaunwinde als auch die tropischen Prunkwinden. Dabei reicht das Formenspektrum von krautigen Kletterpflanzen über Stauden und Sträucher bis zu verholzenden Lianen, was die Familie zu einer der vielgestaltigsten überhaupt macht.
Im Gelände erkennt man ein Windengewächs an mehreren Merkmalen zugleich: wechselständige, häufig herzförmige Blätter, ein windender Stängel, eine einzeln stehende Trichterblüte und eine Kapselfrucht mit wenigen, hartschaligen Samen.
Woher kommt der Name Convolvulaceae?
Der Name Convolvulaceae geht auf das lateinische Verb convolvere zurück, also "zusammenrollen" oder "herumwinden". Die Vorsilbe con- ("mit, zusammen") und volvere ("drehen, rollen") beschreiben genau das, was die Pflanzen tun: Sie winden sich spiralig um jede vertikale Stütze, die sie erreichen. Der deutsche Familienname Windengewächse trifft denselben Kern.
Formalisiert wurde der Name im wissenschaftlichen Latein des 18. Jahrhunderts. Carl von Linné legte mit Species Plantarum (1753) die binäre Nomenklatur fest, und Antoine Laurent de Jussieu veröffentlichte den Familiennamen 1789 in Genera Plantarum. Seither ist er die international anerkannte Bezeichnung.
Im deutschen Gartenbau begegnen die Arten meist unter ihren Gattungsnamen: Ipomoea, Convolvulus, Calystegia. Wer Zierwinden für Balkon und Beet sucht, findet sie in Katalogen häufig unter dem Etikett Prunkwinde. Die Etymologie ist damit die beste Merkhilfe, die diese Pflanzenfamilie zu bieten hat.

Welche Merkmale kennzeichnen die Windengewächse?
Die Familie lässt sich anhand einer überschaubaren Merkmalsliste recht zuverlässig bestimmen, auch von wenig geübten Beobachtern:
- Meist windender, kletternder Stängel, der sich spiralig um eine Stütze dreht, gegen den Uhrzeigersinn; manche tropische Arten kriechen dagegen flach am Boden.
- Wechselständige, einfache Blätter, häufig herzförmig, langstielig und ohne auffällige Nebenblätter.
- Radiärsymmetrische Blüte mit trichter- oder glockenförmiger Krone aus fünf verwachsenen Kronblättern, in der Knospe oft gefaltet.
- Kelch aus fünf freien oder leicht verwachsenen Kelchblättern, der nach der Blüte erhalten bleibt.
- Fünf Staubblätter, die der Krone ansitzen, sowie ein oberständiger Fruchtknoten aus zwei verwachsenen Fruchtblättern.
- Trockene, aufspringende Kapselfrucht, typischerweise mit vier hartschaligen Samen.
- Häufig milchiger Saft im Stängel, sichtbar an der Schnittstelle.
Auch biochemisch fällt die Familie auf. Zahlreiche Arten enthalten Indolalkaloide, darunter Ergoline vom Typ LSA (Lysergsäureamid). Diese Stoffgruppe kennt man sonst vom Mutterkorn (Claviceps purpurea). Der Grund ist eine sehr alte Symbiose zwischen Pflanze und Pilz, siehe weiter unten.
Bei der Fortpflanzung fällt die Kurzlebigkeit der Blüten auf: Sie öffnen sich am Morgen und schließen sich oft schon vor Mittag. Daraus erklärt sich der englische Name "Morning Glory" für viele Ipomoea-Arten. Bestäubt werden sie von Wildbienen und Hummeln, nachtblühende, weiße Arten dagegen von Schwärmern. Der Windenschwärmer (Agrius convolvuli) trägt diese ökologische Bindung sogar im Namen.
Welche Gattungen und Arten gehören zur Familie?
Die Convolvulaceae werden traditionell in mehrere Triben gegliedert, darunter Convolvuleae, Ipomoeeae, Erycibeae und Cuscuteae. Die letztgenannte Gruppe umfasst die Seiden (Cuscuta), Vollparasiten ohne Chlorophyll. Mit Abstand am artenreichsten ist die Gattung Ipomoea. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Gattungen zusammen:
| Gattung | Geschätzte Artenzahl | Bekannte Vertreter |
|---|---|---|
| Ipomoea | ca. 600 bis 700 | I. batatas (Süßkartoffel), I. purpurea (Prunkwinde), I. tricolor |
| Convolvulus | ca. 200 bis 250 | C. arvensis (Ackerwinde), C. cneorum (Silberwinde) |
| Calystegia | ca. 25 | C. sepium (Zaunwinde) |
| Cuscuta | ca. 200 | Cuscuta epithymum (Quendel-Seide), parasitisch lebend |
| Argyreia | ca. 90 | A. nervosa (Hawaiianische Holzrose) |
| Turbina | ca. 15 | Turbina corymbosa (Ololiuqui) |
| Merremia | ca. 80 | M. tuberosa (Holzrose) |
Innerhalb der Windengewächse bündelt die Gattung Ipomoea einen großen Teil der Formenvielfalt. Dazu gehören prächtig blühende Kletterpflanzen wie I. purpurea, I. tricolor und I. alba ebenso wie eine der wichtigsten Nahrungspflanzen der Tropen, die Süßkartoffel. In Sortimenten mit Pflanzen aus tropischen Herkunftsländern taucht die Gattung regelmäßig mit blauen, violetten, roten oder weißen Zierformen auf.
Convolvulus ist stärker mediterran und gemäßigt geprägt und enthält mit der Ackerwinde eines der hartnäckigsten Ackerunkräuter Europas. Die Zaunwinde (Calystegia sepium) besiedelt Hecken, Ufer und feuchte Brachen in ganz Mitteleuropa. Cuscuta schließlich ist eine biologische Besonderheit: Die fadenförmigen, orangefarbenen Sprosse winden sich um Wirtspflanzen und zapfen deren Leitbahnen mit Saugorganen (Haustorien) an.

Wo wachsen Windengewächse weltweit und in Deutschland?
Die Familie ist kosmopolitisch verbreitet, mit deutlichem Schwerpunkt in den Tropen und Subtropen. Die größte Artenvielfalt findet sich in Mittel- und Südamerika, in Ostafrika und in Südostasien. Allein Mexiko beherbergt mehrere hundert endemische Arten, darunter zahlreiche Ipomoea und die bekannte Turbina corymbosa.
In den gemäßigten Breiten nimmt die Vielfalt ab, bleibt aber spürbar. In Deutschland wachsen unter anderem die Ackerwinde (Convolvulus arvensis) auf Feldern, Wegrändern und in Gärten sowie die Zaunwinde (Calystegia sepium) an Hecken und Ufern. An der Küste kommt die Strandwinde (Calystegia soldanella) vor, dazu einige parasitische Seiden-Arten. Der Mittelmeerraum bildet ein zweites Zentrum mit Arten wie Convolvulus althaeoides, die an steinige Böden und starke Sonneneinstrahlung angepasst sind.
Die besiedelten Lebensräume sind entsprechend vielfältig: tropische Regenwälder, Savannen, Mangroven, Wiesen, Sanddünen, Brachen, Hecken, Gärten und selbst städtische Ruderalflächen. Möglich macht das eine Kombination aus tief reichenden, kriechenden Wurzelsystemen, hartschaligen Samen mit langer Keimruhe und dem windenden Wuchs, mit dem sich Licht erobern lässt, ohne einen Stamm aufbauen zu müssen. Bei einigen Arten bleiben die Samen im Boden über zehn Jahre keimfähig. Genau das macht die Ackerwinde für Gärtner so schwer zu bändigen.
Warum enthalten manche Windengewächse Ergoline (LSA)?
Dass einige Convolvulaceae Alkaloide vom Typ LSA (Lysergsäureamid, auch Ergin) enthalten, geht auf eine sehr alte Symbiose mit mikroskopisch kleinen Pilzen der Gattung Periglandula zurück. Diese Pilze leben in den oberirdischen Geweben der Wirtspflanze und werden über die Samen an die nächste Generation weitergegeben. Sie bilden Ergoline, eine Gruppe von Indolalkaloiden, die eng mit den Mutterkornalkaloiden verwandt ist.
Nachgewiesen wurde dieser Zusammenhang in den 2000er-Jahren, unter anderem durch Arbeiten des deutschen Botanikers Eckart Eich, in deren Verlauf Periglandula ipomoeae in Geweben mehrerer Ipomoea- und Argyreia-Arten identifiziert wurde. Zuvor hatte man die Biosynthese der Pflanze selbst zugeschrieben. Die Familie liefert damit ein Lehrbuchbeispiel für Chemie, die über Reichsgrenzen hinweg geteilt wird.
Zu den bekanntesten ergolinhaltigen Arten zählen:
- Argyreia nervosa (Hawaiianische Holzrose) aus Südasien, deren Samen die höchsten dokumentierten Gehalte aufweisen.
- Turbina corymbosa (Ololiuqui), eine tropische Liane Mittelamerikas, die in vorkolumbischen Ritualen eine Rolle spielte.
- Ipomoea tricolor und Ipomoea violacea (in Nahuatl-Quellen Tlitliltzin), Zierwinden mesoamerikanischer Herkunft.
Botanisch und kulturgeschichtlich sind diese Arten hoch interessant: Das Standardwerk Plants of the Gods von Richard Evans Schultes und Albert Hofmann dokumentiert ihre rituelle Verwendung, die spanische Chronisten bereits im 16. Jahrhundert beschrieben. Der rechtliche Status ergolinhaltiger Samen ist je nach Art und Land unterschiedlich geregelt und hat mit gewöhnlicher Gartenarbeit nichts zu tun. Informieren Sie sich über die jeweils aktuellen rechtlichen Bestimmungen in Ihrem Wohnsitzland. Dieser Beitrag bleibt bewusst im botanischen und historischen Rahmen.

Süßkartoffel und essbare Windengewächse
Die Familie beschränkt sich keineswegs auf Zierpflanzen. Sie stellt auch eine der wichtigsten Nahrungspflanzen der Welt. Die Süßkartoffel (Ipomoea batatas) ist ein Windengewächs, was viele überrascht, die sie in die Nähe der Kartoffel rücken. Botanisch liegen beide weit auseinander: Die Kartoffel ist ein Nachtschattengewächs, die Süßkartoffel eine echte Convolvulacee.
Ihre Domestikation in Mittel- und Südamerika reicht mehr als 5000 Jahre zurück. Heute wird sie in allen tropischen und subtropischen Klimazonen angebaut und zählt laut FAO zu den bedeutendsten Grundnahrungspflanzen weltweit. Gegessen wird eine verdickte Speicherwurzel, reich an Stärke, Ballaststoffen und, bei den orangefleischigen Sorten, an Beta-Carotin. Im Hausgarten lässt sie sich in milden Lagen inzwischen ebenso ziehen wie klassische Sorten für das Gemüsebeet.
Weitere Windengewächse spielen eine Rolle als Nahrungs- oder Nutzpflanze:
- Ipomoea aquatica (Wasserspinat, Kangkong), ein beliebtes Blattgemüse der südostasiatischen Küche.
- Merremia tuberosa (Holzrose), deren verholzte Früchte in der tropischen Dekorationskunst verwendet werden.
- Ipomoea pes-caprae (Strandwinde der Tropen), eine Pionierpflanze zur Befestigung von Küstendünen.
Dieses doppelte Gesicht, nährend und zierend zugleich, erklärt die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der Familie. Für Gartenfreunde mit Sinn für Nutzpflanzen ist sie ein ähnlich ergiebiges Feld wie das Sortiment an Küchenkräutern aus eigener Aussaat.
Häufige Fragen zu Windengewächsen
Was sind alles Windengewächse?
Windengewächse (Convolvulaceae) sind eine Pflanzenfamilie aus der Ordnung der Nachtschattenartigen mit etwa 60 Gattungen und rund 1700 bis 2000 Arten. Dazu zählen Ackerwinde, Zaunwinde, Prunkwinde, Süßkartoffel, Wasserspinat sowie die parasitischen Seiden der Gattung Cuscuta.
Welche Merkmale haben Windengewächse?
Kennzeichnend sind der windende Stängel, der sich gegen den Uhrzeigersinn um eine Stütze dreht, wechselständige, oft herzförmige Blätter, eine Trichterblüte aus fünf verwachsenen Kronblättern, ein oberständiger Fruchtknoten und eine Kapselfrucht mit wenigen Samen. Viele Arten führen milchigen Saft.
Welche Gattungen gehören zur Familie der Convolvulaceae?
Die wichtigsten Gattungen sind Ipomoea (rund 600 bis 700 Arten), Convolvulus (200 bis 250), Calystegia (etwa 25), Cuscuta (rund 200 parasitische Arten), Argyreia (etwa 90), Turbina (etwa 15) und Merremia (etwa 80). Sie verteilen sich auf mehrere Triben innerhalb der Familie.
Sind Süßkartoffeln Windengewächse?
Ja. Die Süßkartoffel (Ipomoea batatas) gehört zu den Windengewächsen und nicht zu den Nachtschattengewächsen wie die Kartoffel. Beide bilden unterirdische Speicherorgane, sind botanisch aber nur entfernt verwandt.
Was ist der Unterschied zwischen Convolvulus und Ipomoea?
Convolvulus umfasst überwiegend gemäßigte und mediterrane Arten mit meist kleineren Blüten, Ipomoea dagegen vor allem tropische Arten mit größeren, farbigeren Blüten. Taxonomisch unterscheiden sich die Gattungen unter anderem im Bau der Narbe und in der Samenmorphologie.
Welche Windengewächse enthalten LSA?
Bekannt sind vor allem Argyreia nervosa, Turbina corymbosa, Ipomoea tricolor und Ipomoea violacea. Gebildet wird LSA nicht von der Pflanze selbst, sondern von symbiotischen Pilzen der Gattung Periglandula, die in ihren Geweben leben.
Ist die Ackerwinde essbar oder nützlich?
Die Ackerwinde gilt in erster Linie als hartnäckiges Wildkraut, dessen Wurzeln tief reichen und dessen Samen jahrelang keimfähig bleiben. Als Nahrungspflanze spielt sie keine Rolle. Ökologisch dienen ihre Blüten jedoch Wildbienen und Hummeln als Nektarquelle.
Warum heißen viele Windengewächse "Morning Glory"?
Die Trichterblüten vieler Zier-Ipomoeen öffnen sich im Morgengrauen und schließen sich oft schon vor Mittag wieder. Diese Kurzlebigkeit ist eine Anpassung an die Bestäubung durch früh fliegende Insekten, vor allem Wildbienen und Hummeln.
Windengewächse: ein botanisches Erbe mit vielen Gesichtern
Die Familie der Windengewächse zeigt exemplarisch, wie weit die Formenvielfalt der Blütenpflanzen reichen kann: rund 2000 Arten, etwa 60 Gattungen, von der krautigen Ackerwinde bis zur tropischen Liane, von der Grundnahrungspflanze bis zur ethnobotanischen Rarität. Wer die Familie kennt, ordnet die Winde im Beet, die Süßkartoffel im Korb, die Prunkwinde am Balkon und die Hawaiianische Holzrose im Tropenhaus in einen gemeinsamen taxonomischen Rahmen ein. Ein guter Ausgangspunkt für alle, die ihre Sammlung planvoll aufbauen möchten.
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